Im Leben eines Mädchens sind die Tage angefüllt mit Ereignissen, die banal zu sein scheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind.

Es häufen sich die bewussten wie unbewussten Versuche der Umwelt, das Kind auf die Mädchenrolle festzulegen. Aus der Summe solch alltäglicher Erfahrungen ergibt sich für das Kind ein Muster, nach dem es sein Verhalten ausrichtet.

Davon handelt diese Seite.

 
 
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Schwangerschaft mit einem Mädchen
Falls Sie es noch nicht wissen: Das (männliche) Y-Chromosom ist der verstümmelte Rest eines ursprünglich weiblichen X-Chromosoms.

Der im Erbgut festgelegte Bauplan aller Frauen und Männer ist nach weiblichem Bild. Der Mann ist eine Sonderform, hervorgerufen durch biochemische Modifikation des Embryos mit Hilfe des H-Y-Antigens.

Das heißt, wenn es ein Junge werden soll, wird das Weiterwachsen des primären Musters nun unterdrückt - eben durch dieses Antigen - wenngleich ihm noch die Brustwarzen erhalten bleiben und voll funktionstüchtig sind. (Siehe "Am Anfang war die Lust " - auch Männer können stillen)

Obwohl die Wissenschaft also erwiesen hat, dass der Vater das Geschlecht eines Kindes bestimmt, hält sich hartnäckig das tief verwurzelte Vorurteil, die Frau sei die Alleinverantwortliche, im positiven wie im negativen Fall.

Der "positive" Fall:

"Meine Frau hat mir einen hübschen Jungen geschenkt."

Der "negative" Fall:

"Meine Frau bringt nichts anderes als Mädchen zustande."

Unzählige Frauen mussten und müssen bei der Geburt eines Mädchens den unausgesprochenen oder offenen Vorwurf und das Mitleid der Familienangehörigen, Verwandten und Freunde einstecken, die Enttäuschung und Feindseligkeit des Ehemanns oder der Schwiegereltern, die Demütigung angesichts der Tatsache, dass sie nicht in der Lage sind, einen "Stammhalter" zu bringen.


In einer patriarchalen Kultur, die als Grundwerte einerseits die Überlegenheit des männlichen Individuums, andererseits die Unterlegenheit des weiblichen Individuums sieht, ist es klar, dass  das Prestige des Mannes keinesfalls in Frage gestellt werden darf, da dies unweigerlich zur Zersplitterung seiner Macht führen würde.

Aristoteles bestand darauf, dass sich der menschliche Embryo aus einem Men- struations- gerinnsel der Frau entwickelt.

So haben die Ansichten in Bezug auf die Mutterschaft immer das Verdienst und die Hauptrolle bei der Fortpflanzung dem Mann zugeschrieben, während die Frau nur eine untergeordnete Rolle hatte.

Wie kann es passieren, dass trotz des Standes der Wissenschaft immer noch Frauen ihre Männer um Verzeihung bitten, wenn sie ein Mädchen geboren haben?

Die Vorurteile sind sehr tief verwurzelt und halten sich, allen Berichtigungen zum Trotz, weil sie eine soziale Notwendigkeit darstellen.

Die menschliche Unsicherheit braucht Sicherheit - und Vorurteile oder Glaubenssätze geben Sicherheit. Sie werden als absolute Wahrheit, die nicht zur Diskussion steht, schon von früher Kindheit an eingebleut und später nicht mehr berichtigt.

Untersuchen wir zum Beispiel das Vorurteil, dass am Körper des Mannes alles perfekt und in Ordnung ist, was die Fortpflanzung betrifft. Wenn es bei einem Paar mit dem Kinderkriegen nicht klappt, und die Möglichkeit der Sterilität nahe liegt, wird zuerst die Frau gründlich, oft langwierig und schmerzhaft untersucht.
Erst wenn alle diese Untersuchungen zu keinem Ergebnis geführt haben - und dann auch nicht immer - läßt sich der Mann widerstrebend dazu herab, sich einer Untersuchung zu unterziehen.

Diese Prozedur ist um so unverständlicher, wenn Sie bedenken, dass die Untersuchung des Penis und eine Analyse des Spermas auf Unfruchtbarkeit unendlich viel einfacher, billiger und weniger schmerzhaft ist, als zum Beispiel das Durchblasen der Eileiter bei der Frau.

Kurz: der Mann braucht hundertprozentige Beweise für seine Fehler oder Mängel, ehe er sich betroffen oder schuldbewusst fühlt, während die Frau immer ein Schuldgefühl im Kopf hat, bis nicht das Gegenteil erwiesen ist. Wenn es darum geht, sich willig und unwissend den Vorurteilen zu beugen, die auf sie zugeschnitten sind, kennen Frauen keine Grenzen.

Wir werden sehen, wie es dazu kommt.


Auf jeden Fall betreffen die meisten dieser tief verwurzelten Glaubenssätze die Beziehung zum anderen Geschlecht, die Familie und die Kinder.

Obwohl die Wirklichkeit das Gegenteil beweist, sind Frauen immer noch überzeugt davon, dass Kinder die Ehe stabilisieren, dass sie ein Paar zusammenhalten. Die Mehrheit der Frauen glaubt, dass eine Ehe ohne Kinder zum Misserfolg verdammt ist und die Mutterschaft die einzig mögliche, echte Verwirklichung der Frau ist.

Und während die Welt von unglücklichen und frustrierten Müttern überläuft, haben sie noch immer das Gefühl versagt zu haben, solange sie nicht Mütter geworden sind - Mütter von Söhnen.

Die ganze Zeit der Schwangerschaft wird von dieser Frage beherrscht: Wird es ein Junge? Wird es ein Mädchen?

Heute ist es möglich, durch Ultraschall das Geschlecht des Kindes vorher zu erfahren. Wenn es den Eltern jedoch (noch) nicht bekannt ist, hat die Umwelt jede Menge Aberglauben parat:

  • ein spitzer Bauch spricht für einen Buben

  • ein flacher, breiter, runder Bauch kündigt ein Mädchen an

  • ist die Schwangere fröhlich und ausgeglichen, dann wird es ein Junge

  • ist sie dagegen trübsinnig und weint leicht, dann wird es ein Mädchen

  • wenn der Herzschlag des Embryos schnell ist, wird es ein Junge

  • wenn das Herz langsam schlägt, ein Mädchen

  • wenn sich der Embryo bis zum 40. Tag der Schwangerschaft bewegt, wird es ein Junge und die Geburt wird leicht sein

  • wenn es sich erst am 90. Tag bewegt, wird es ein Mädchen

Dieser Aberglaube findet in einem anderen eine Parallele:
Ehe die Theologen zu dem Schluss kamen, dass die Seele im Augenblick der Befruchtung in den Fötus eintritt, hatten sie darauf bestanden, dass genau 89 Tage nach der Befruchtung ein männlicher Fötus eine Seele bekommt, während das Mädchen noch mindestens 39 Tage länger darauf warten muss. Diese Behauptung wurde natürlich nach der allgemeinen Diskussion darüber aufgestellt, ob Mädchen überhaupt eine Seele haben ...

Die Liste dieser Aberglauben wäre noch lange fortzusetzen (fragen Sie doch mal in Ihrer Familie nach, wie das Geschlecht während der Schwangerschaft vor zwanzig Jahren bestimmt wurde). Was auffällt bei diesen Glaubenssätzen ist folgendes: die Zeichen, die angeblich einen Jungen signalisieren, sind positiv.

Alle Vorhersagen stellen schon perfekt die geschlechtsspezifischen Verhaltensnormen dar, wie sie in unserer Gesellschaft aufgestellt werden.

Sie sind entlarvend: die Prophezeiungen enthüllen, wie sehr diese Modell in uns verwurzelt sind, wenn wir Kindern spezifische Kennzeichen zuschreiben, die für das jeweilige Geschlecht typisch sind, noch ehe sie überhaupt geboren sind!


Denn wir wollen einfach, dass Jungen lebhafter, vitaler, schneller sind als Mädchen, von denen wir wiederum erwarten, dass sie ruhiger, passiver werden.


Wir weigern uns zu sehen, dass die Lebhaftigkeit des Babys etwas mit dessen Temperament und nichts mit seinem Geschlecht zu tun hat. Denn es ist ja eine altbekannte Tatsache, dass es neugeborene Mädchen gibt, die überschäumend und lebhaft sein können und neugeborene Buben, die ruhig und träge sind.

Können Sie auf der Zeichnung die Mädchen
von den Buben unterscheiden?

Image

Das Spiel der verschiedenen Eigenschaften von weiblichen und männlichen Wesen beginnt genau hier, noch ehe die Kinder geboren sind, und hört niemals mehr auf.

Seit ewigen Zeiten werden Mädchen in eine passive Rolle, Jungen auf Aktivismus getrimmt ...

 
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