Im Leben eines Mädchens sind die Tage angefüllt mit Ereignissen, die banal zu sein scheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind.

Es häufen sich die bewussten wie unbewussten Versuche der Umwelt, das Kind auf die Mädchenrolle festzulegen. Aus der Summe solch alltäglicher Erfahrungen ergibt sich für das Kind ein Muster, nach dem es sein Verhalten ausrichtet.

Davon handelt diese Seite.

 
 
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Das Familiengeheimnis

Ein Artikel in der SZ am Wochenende, 27.6.98
von  CHRISTA EDER 

Sexueller Missbrauch von Kindern – Eine Mutter berichtet 

Wenn Brigitte Kehler (alle Namen wurden von der Redaktion geändert) ihre Geschichte erzählt, spricht sie mit vorgehaltener Hand. Leise spricht sie. Und wenn es besonders schlimm wird, flüstert sie. Sie spricht ohne Unterbrechung, ohne Linie, als werde sie von einer inneren Kraft getrieben, sich alles von der Brust zu reden.

Es falle ihr immer noch schwer, die Dinge zu ordnen, und das ganze Ausmaß hätte sie heute, nach vier Jahren, immer noch nicht begriffen, sagt Frau Kehler, fünffache Mutter, 49. Aber damals, als alles wie ein Erdbeben über sie hereinbrach, sei es ihre einzige Rettung gewesen, jedem Bekannten, Verwandten, Nachbarn, ja wildfremden Leuten einfach alles zu erzählen, egal, ob derjenige es hören wollte oder nicht.


Der neunte Geburtstag der Jüngsten brachte den Stein ins Rollen.

Ein schönes, nettes Fest sollte es werden. Wie immer, wenn es bei Familie Kehler etwas zu feiern gab: das morgendliche Geburtstagsständchen am Bett. Küsschen. Geschenke. Der hübsch dekorierte Frühstückstisch. Später ein Ausflug und zum Schluss ein schönes Abendessen in einem schönen Restaurant.

Doch schon der Geburtstagswunsch war außergewöhnlich. „Carolin wünschte sich, mit mir und ihrer großen Schwester Stefanie allein im Wald spazieren zu dürfen.“
Frau Kehler erinnert sich noch genau, wie gerührt sie damals von dem bescheidenen Wunsch ihrer Tochter war. Auch verwundert. Bis dahin sei ihr gar nicht aufgefallen, dass sie eigentlich nie mehr mit ihren Kindern alleine war. dass es gar keine längeren Gespräche mehr gab, dass sogar beim Gute-Nacht-Sagen immer der Vater dabei war. Auch als sie zum Spaziergang aufbrachen, stand er wieder im Türrahmen und schaute „so komisch sauer“ drein.

„Ich war ja so blöd“, unterbricht sie sich, während sie sich die Hand vor die Augen hält. „Alles sollte immer perfekt sein. Ich wollte eine perfekte Mutter sein, ein perfektes Familienleben haben. Die Kinder sollten keine Nachteile haben, nur weil sie zu fünft waren. Wir hatten einen Bauernhof. Jedes der Kinder ein Pferd. Jede Ferien machten wir Urlaub.

Als Achtundsechzigerin wollte ich immer modern sein. Psychologisch und pädagogisch auf dem neuesten Stand. Die Kinder gingen in die Waldorfschule. Niemand sollte mir später etwas vorwerfen können. Dabei wurde alles, was nicht stimmte, unter den Teppich gekehrt. Ich war harmoniesüchtig.“

Ich hab’ es geglaubt.

Auf dem Spaziergang begann Carolin zu erzählen, was sie in den letzten Tagen, während die Mutter, wie so oft in letzter Zeit, auf der Messe jobbte, zu Hause erlebt hatte.
Wie besoffen er gewesen sei, wie er sie und die Geschwister geschlagen habe, wie er Bierflaschen nach ihnen geworfen habe, wie er gedroht habe, ihr Pferd zu töten und ihren Hasen aus dem Fenster schmiss. dass es nicht zum erstenmal gewesen sei, dass es immer schlimmer werde und dass sie solche Angst vor dem Vater habe.

„Ich wusste, dass er ab und zu mal zuhaute. Das schon. Aber ich ahnte ja nicht, dass es so schlimm war. Das war ein Schock für mich.“ Trotz aller Vorkommnisse: Sie glaubte immer an die „gute Gesinnung“ ihres Mannes – wollte daran glauben.

„Ich war ja so blöd“, sagt sie wieder. „Jedes Mal, wenn wir Streit wegen der Kinder hatten, hat er es so hingedreht, dass ich diejenige sei, die alles dramatisiere, übertreibe, sich einbilde. Und ich hab’ es geglaubt.“ Das ist nicht nur Entschuldigung, das ist auch ein Vorwurf gegen sich selbst.

Als sie an diesem Abend mit der Kleinen für ein paar Tage zu einer Freundin nach München ausweichen wollte, kam plötzlich auch Martina, die vierzehnjährige, die mittlere in der Geschwisterreihe, zu ihr: „Nimm mich mit“, hat sie ihre Mutter angefleht und dabei „die totale Panik in den Augen“ gehabt.

„Ich dachte zunächst, sie ist schwanger, und sagte, sie soll ihre Sachen packen und mitkommen.“ Das werde sie aber nicht dürfen, habe Martina geantwortet und zum Türrahmen geschaut, wo schon wieder der Vater stand. „Ich habe gemerkt, dass ihn das alles fürchterlich aufregt, und er wollte partout nicht, dass wir wegfuhren. Aber es hat bei mir immer noch nicht geklickt.“
Am Bahnhof habe Martina dann immerzu in die Gleise gestarrt. Wie regungslos sei ihr Gesicht gewesen, und keinen Mucks habe sie gesagt. Auch dann nicht, als sie sie vor lauter Zorn gepackt und geschüttelt habe.


Martina malte ein Bild.
Alles darauf war tot. Die Pferde, die Blumen, der Hund. Aus dem Wasserhahn floss Blut.

Eine Therapeutin interpretierte das Bild und fragte die Mutter, ob sie schon einmal an sexuellen Missbrauch (Schändung) gedacht habe. Nein, nein. Das könne sie sich überhaupt nicht vorstellen, wehrte Frau Kehler ab. Keinem Lehrer oder Nachbarn oder sonstigen Bekannten würde sie derlei zutrauen.

Und vehement wies sie den Verdacht der Therapeutin zurück: Vorsichtig hatte die angedeutet, dass auch ihr Mann in Frage kommen könne. Auf keinen Fall. Schließlich habe der schon lange kein sexuelles Interesse mehr und sei der Meinung, wer sich geistig weiterentwickeln wolle, der solle auf Sex verzichten.

„Die Therapeutin hat mich dann nur lange angesehen und mir ein paar Bücher und eine Liste mit Adressen von Frauenhäusern herüber geschoben.“ Dann sagte sie zu mir: „Wenn Sie etwas für Ihre Kinder tun wollen, haben Sie jetzt Gelegenheit.“

Erst jetzt, peu à peu, seien ihr manche Dinge hochgekommen, die ihr schon früher aufgefallen seien, die sie aber beständig verdrängt habe, weil er jedes Mal ein Argument parat hatte.

  • Die blauen Flecken an den Kinderkörpern, die vom Reiten kamen.

  • Die Ausdrücke „Hure“ oder „Schlampe“, die spaßhaft sein sollten und sie nur aufregten, weil sie prüde sei.

  • Das Hauen auf den Po, das in Bayern angeblich nichts zu bedeuten habe. Nur sie, mit ihrer schmutzigen Phantasie, dramatisiere.

  • Das Heftchen mit den nackten Kindern, das angeblich ein Freund liegengelassen hatte.

Auch als Martina erzählte, dass sie den Papa waschen musste, hatte sie sich beschwichtigen lassen. Alles nur Hysterie, hatte er gesagt.

Er habe es immer verstanden, jede Kritik, jeden Streit so hinzudrehen, als ob sie diejenige sei, die hysterisch, überfordert, prüde, inkonsequent sei – und immer habe sie sich „den Schuh anziehen lassen“, damit die Familienidylle perfekt bleibe.


Die unbewusste Komplizenschaft der Frau mit dem Schänder:

Perfekt war es bei Familie Kehler schon lange nicht mehr. Der Alkohol- und Drogenkonsum des Vaters, seine körperliche Verwahrlosung, seine depressiven Anfälle, seine Gewalttätigkeiten waren Lasten, an denen die Familie schon zu lange zu tragen hatte.

Doch anstatt gegenzusteuern, reagierte die Mutter stets nachgiebig. Helfen wollte sie, nicht streiten oder strafen. Nicht wahrhaben. Zum Nervenarzt habe sie ihn geschickt, zu einer Therapie wollte sie ihn überreden, damit sich alles wieder einrenke. Doch es wurde, im Gegenteil, immer unerträglicher. Erst später, im Frauenhaus, sollte ihr zum ersten Mal bewusst werden, wie unerträglich.


Als die Psychologin die vier Geschwister fragte, ob sie denn wüssten, was mit Martina geschehen sei, kam keine Reaktion: „Ich wurde zunächst aggressiv gegen die Kinder, die eiskalt und wie versteinert dasaßen“, so Frau Kehler wieder im Flüsterton. „In dem Moment fangen alle fünf an zu heulen. Und da wusste ich, mein Gott, die sind alle betroffen.“ Als ob der Erdboden unter ihr aufgehe und sie alle verschlucken wolle, habe sie sich gefühlt. Stundenlang sei sie so unter Schock gestanden, dass sie gar nicht mehr ansprechbar gewesen sei.

Im Frauenhaus, wo die Familie wochenlang in einem Zimmer wohnte, kamen dann täglich neue Dinge an die Oberfläche.

Einmal schrie eine Tochter nachts im Traum, sie werde vergewaltigt. Ein andermal hörte sie zwei Schwestern flüstern: „Hast du es auch schlucken müssen?“ fragte die eine, und die andere nickte.

Schließlich erfuhr sie, wie der Vater den Bruder (damals zwölf) anleitete, bei der kleinen Schwester „den Finger reinzustecken“.

Daraufhin solidarisierten sich wiederum die vier Schwestern gegen den Bruder und verlangten von der Mutter, sie solle auch den Sohn abschreiben.

Kurz darauf warf er sich mit dem Fahrrad vor die S-Bahn.

Dann seine Anrufe aus der „Geschlossenen“. Sie solle ihn doch bitte schnell herausholen. Unbeschreibliche Schmerzen seien das gewesen, sagt Frau Kehler. Und bis heute wisse sie nicht, wie sie das alles ausgehalten habe. „Ich dachte nur noch, wann zerreißt es mich? Es muss mich doch irgendwann zerreißen“, sagt sie.


Angst und Erpressung

Erst Monate später erstattete sie Anzeige. Aus Rücksicht auf die Kinder. Er gab alles zu. Mehr, als sie wusste:

  • Dass er ihnen schon als Babys die Hemdchen angezogen habe, in die er zuvor ejakuliert hatte.
  • Dass er an den schlafenden Kindern herummanipuliert habe.
  • Dass sie ihn später auch oral befriedigen mussten.
  • Auch dass er die Kinder unter Druck setzte und ihnen drohte, Mama würde krank, und sie kämen ins Heim, wenn sie etwas weitererzählten.

„Jeder hatte er eingeimpft, dass es an ihr liege, ob die Familie zusammenbleibt. Und jede hatte das Gefühl, sie muss sich jetzt für die Familie opfern. Keine hatte die leiseste Ahnung, dass die anderen auch geschändet wurden.“

Die Schänder, so Hannelore Kastner in ihrem Buch "Sexueller Missbrauch – Prävention", "binden das Kind zusätzlich in die Verantwortung ein, indem sie das Geschehen ,unser Geheimnis‘ nennen. Die somit dem Opfer auch überantwortete aktive Rolle, die auferlegte Mitschuld und das Schweigen, das der verwirrten Wahrnehmung entspringt, machen es dem Kind unmöglich, sich zu öffnen.“


Sie sei sich nicht ganz sicher, sagt Frau Kehler, ob er das alles geplant habe. Er erlaubte keine Skiaufenthalte, keine Klassenfahrten, keine Besuche von Freunden. Stefanie, die sich für ein Praktikum bei der Polizei beworben hatte, musste wieder absagen.

Sie glaube im nachhinein auch, eine gewisse Systematik zu entdecken, sie auf Abstand zu halten. Sie arbeitet oft auswärts. „Je älter die Kinder wurden, desto länger blieb ich weg. Ich habe oft tagelang auf Messen gearbeitet, um unseren Lebensstandard zuhalten. Wenn ich dann nach Hause kam, hat er mir oft eingeredet, ich sei so nervös und soll mich erst einmal ein paar Tage bei meiner Freundin in Wien oder München ausruhen. Und ich war auch noch stolz, dass ich so einen verständnisvollen Mann zu Hause hab’.“

Aus Angst, so glaubt Frau Kehler, dass eines Tages doch alles ans Licht käme, wurde er immer strenger und auch immer gewalttätiger. Jeden Widerstand, zu dem sie die Kinder stets ermutigte, habe er aus ihnen herausgeprügelt, sobald sie aus dem Haus war.

Von klein auf habe er ihnen eingebläut, dass sie dreckig und minderwertig seien und deshalb so etwas aushalten müssten.

„Das Schlimmste für mich war, dass mir die Kinder nichts gesagt haben. dass sie kein Vertrauen zu mir hatten. Das schmerzt mich noch heute am meisten.“ Später, im Frauenhaus, sei sie dann zwischendurch immer wieder ausgerastet, weil sie dachte, die Kinder stünden immer noch auf seiner Seite; wollten ihn decken.
Dann sah sie in den Töchtern sogar die Konkurrentinnen, die Geliebten.

„Da hätte ich schon jemanden gebraucht, der mir sagt, was da alles auf mich zukommt. Welche Gefühle und Reaktionen und wie ich damit umgehen soll. Ich stand ja so unter Schock, dass ich manchmal nicht mehr unterscheiden konnte, was wahr war und was nicht.“

Als Lichtblick in dem ganzen Alptraum seien ihr die Frauenbeauftragten der Münchner Polizei erschienen. Wie eine Erlösung habe sie es empfunden, dass alle in freundlicher Atmosphäre und ohne jeglichen Druck vernommen und dass sie bis zum Prozess hin von den Frauen begleitet und unterstützt worden seien.

Bei den Ämtern und in Kliniken habe sie diese Einfühlsamkeit nicht erfahren. Für jede kleine Angelegenheit habe sie Gutachten und schriftliche Begründungen beibringen und sich immer wieder rechtfertigen müssen. Wie Sisyphos sei sie sich manches Mal vorgekommen.

Besonders als man ihr riet, die Kinder zu verstecken, die Behörden aber ständig die neuen Adressen an den Vater weitergaben, weil die Scheidung noch nicht durch war.

Ein Segen sei es gewesen, dass die Kinder nicht als Zeugen vor Gericht mussten. Denn im Gerichtssaal, da sei sie ganz sicher, hätte keines der Kinder ausgesagt. Aus Angst. Lange habe auch sie gezögert, ob sie als Nebenklägerin in die Verhandlung gehen sollte. Doch sie wollte es einfach aus seinem Mund hören, dass es wahr ist, sagt sie. „Sonst wäre es wie eine Totgeburt gewesen, die man nie gesehen hat. Da denkt man auch sein ganzes Leben lang nach, ob das Kind nicht doch lebt.“


Als Schlag ins Gesicht habe sie die Verhandlung empfunden. dass sie als Nebenklägerin nicht als Zeugin auftreten durfte, weil sonst auch die Kinder vor Gericht gemusst hätten, war für sie „schiere Erpressung“. Auch den Anwalt, den sie als Nebenklägerin gestellt bekam, empfand sie nicht als Unterstützung. Nicht einmal bei diesem unsäglichen Gutachten, in dem sie und die Kinder als eigentlich Schuldige vorgeführt wurden, habe er eingegriffen.

„Das Gutachten war eine einseitige Darstellung seiner Position“, kritisiert Frau Kehler.
„dass ich ihn vernachlässigt hätte und sein trauriges Leben daher nur noch im Sex lebenswert gewesen sei, dass die Kinder kein Vertrauen zu mir hatten, ja sogar, dass die Älteste ihn damals als Vierjährige verführt haben soll, musste ich mir anhören.
Dabei hat die Gutachterin nicht einmal mich oder die Kinder befragt.“

Der Anwalt riet Brigitte Kehler, in der Verhandlung kein Wort zu sagen. So blieben die Behauptungen der „Täterfraktion“ unkommentiert. Hätten die Kinder einen Opferanwalt gehabt, der sie unterstützt und auf die Verhandlung vorbereitet hätte, wäre die Sache anders ausgegangen, glaubt Frau Kehler heute.

Denn noch viel mehr, als vor Gericht zur Sprache kam, sei tatsächlich passiert.

So kam er wegen der Angst der Kinder, wegen „leichten Missbrauchs“, mit drei Jahren und acht Monaten davon. Seit Anfang des Jahres ist er wieder auf freiem Fuß und lebt in derselben Stadt. Von Sozialhilfe. Zu den Kindern darf er keinen Kontakt aufnehmen.


Angst haben sie nicht vor ihm. „Einer, der sich an Kindern vergreift, ist feige“, sagt sie – zum ersten Mal in dem Gespräch mit erhobener Stimme.

Nach den jahrelangen Verletzungen, den Selbstmordversuchen dreier Kinder, den Aufenthalten in der geschlossenen Psychiatrie, nach der Magersucht der einen und den panischen Angstzuständen der anderen Tochter, den seelischen Qualen und den Verbitterungen scheint jetzt langsam alles wieder ins Lot zu kommen. Vier Kinder habe sie gut untergebracht; psychisch relativ stabil, machten sie ihre Schulen und Ausbildungen. Nur eine sei noch nicht "über den Berg".

Erleichtert sei sie heute und unendlich dankbar. Den Behörden. Dem Jugendamt. Und vor allem den Frauenbeauftragten der Polizei. „Das alles hat den Staat enorm viel gekostet“, sagt sie dann wieder ganz leise: „Aber er hat auch fünf Kinder gerettet. Und mich.“

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Dieser Artikel dokumentiert keinen Einzelfall!
Er ist lediglich ein Beispiel.

 
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