Im Leben eines Mädchens sind die Tage angefüllt mit Ereignissen, die banal zu sein scheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind.

Es häufen sich die bewussten wie unbewussten Versuche der Umwelt, das Kind auf die Mädchenrolle festzulegen. Aus der Summe solch alltäglicher Erfahrungen ergibt sich für das Kind ein Muster, nach dem es sein Verhalten ausrichtet.

Davon handelt diese Seite.

 
 
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Die verinnerlichte Mutterfigur

Alle Kinder verinnerlichen das Verhalten, die Eigenheiten und die Grundeinstellung ihrer Mutter und erzeugen auf diese Weise eine interne Mutterfigur. Diese interne Mutter ist ein Duplikat der äußeren Mutter, wie sie sich dem Kind dargestellt hat, wobei sich dieses Duplikat aber auch noch mit anderen einflussreichen Mutterfiguren aus der Umgebung vermischt und auch die kulturellen Vorstellungen von guten oder schlechten Müttern enthält, die wir als Kind unbewusst verinnerlicht haben. Durch eine genauere Untersuchung verschiedener Arten von Bemutterung können wir herausfinden, ob unsere „Mutter in uns“ die Entfaltung unserer einzigartigen Anlagen fördert, ob sie uns in unserer Persönlichkeit bestärkt und hilft oder ob wir unseren Mutterkomplex von Grund auf renovieren sollten.

Die ambivalente Mutter

Im Märchen vom hässlichen Entlein wird die Entenmutter gezwungen, sich von ihren Urinstinkten zu trennen. Sie wird angegriffen und verhöhnt, weil sie ein Kind hat, das nicht in die Entengemeinde passt, und somit instinktmäßig in zwei Teile gespalten:

  • Der eine Instinkt sagt ihr, dass sie ihr Kind gegen alle Angriffe verteidigen und bei sich behalten muss, bis es groß genug ist, um sich alleine zu behaupten.
  • Der zweite Instinkt sagt ihr, dass ihre Zugehörigkeit zu der Entengemeinde lebensnotwendig für sie selbst ist.

Als Folge dessen leidet sie unter der emotionalen und geistigen Zerrissenheit (Ambivalenz), bricht unter dem Druck zusammen und gibt die instinktive Bemutterung zugunsten ihres instinktiven Selbsterhaltungstriebs auf.

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Kennen Sie diese Situation?

Mit solchen Zwangslagen wird jede Frau in ihrem Leben auf die eine oder andere Weise konfrontiert. Eine Mutter beugt sich dem Willen der Umgebung, weil sie nicht imstande ist, sich über Tod und Teufel hinweg mit einem unangepassten Kind zu verbünden; wobei dieses Kind auch im übertragenen Sinn ein kreatives Geisteskind sein kann, ein Projekt, eine Kunstform, eine Weltanschauung, eine politische Überzeugung, die eigene Karriere.

Die Suffragetten, die ersten Frauenrechtlerinnen, die modernen Feministinnen können alle miteinander ein Lied davon singen! Ganz zu schweigen von den weisen Frauen, die auf dem Scheiterhaufen gelandet sind.

Noch heute agieren Mütter die wohlbegründeten Ängste der Frauen früherer Jahrtausende aus, denn sie wissen intuitiv, was es bedeutet, aus einer Gemeinschaft ausgestoßen zu werden.

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Millionen von Frauen sind seelische und geistige Tode gestorben, um ein nicht akzeptiertes Kind großziehen zu können, um eine Liebe oder einen Liebhaber vor dem Zugriff der Moral predigenden Massen zu bewahren.

Noch im letzten Jahrhundert wurden Frauen für ihren Widerstand gegen die vorherrschenden Sittengesetze öffentlich angeprangert und mitsamt ihren symbolischen Geisteskindern unter dem Gejohle des Volkes auf Scheiterhaufen verbrannt.

Mütter von ungewöhnlichen, irgendwie andersartigen Kindern müssen die Ausdauer eines Sisyphus an den Tag legen, das Furcht einflößende Gehabe von Rambo und die Dickfelligkeit eines Helmut Kohl - also samt und sonders männliche Attribute, deren Entwicklung jedoch keineswegs von der Umwelt gefördert wird, in der oben genannte Mütter aufwachsen.

Notgedrungen muss eine Frau, die Selbstbewusstsein in sich und ihren Kindern hervorbringen will, genau die männlich aggressiven Qualitäten entwickeln, die ihr von der Gesellschaft unter Strafandrohung verboten werden.

Dazu gehören unter anderem Vehemenz, Standhaftigkeit, durchtriebene, mit allen Wassern gewaschene Bissigkeit und Furchtlosigkeit.

Keine Mutter eines ungewöhnlichen Kindes (und das ist ein undressiertes Mädchen von Haus aus) kann ihres Lebens froh werden, wenn sie sich nicht beizeiten nach ein paar heroischen Eigenschaften umtut, um ihren Schützling zu verteidigen.

Es ist kaum möglich, sich auf Herausforderungen solcher Art vorzubereiten, außer tief Luft zu holen und beherzt in das Geschehen einzugreifen!


Die gebrochene Mutter

In der Geschichte wird die Entenmutter an einen Punkt getrieben, wo sie sich nicht mehr imstande fühlt, mit den unausgesetzten Angriffen der Gemeinde fertig zu werden. Sie bricht zusammen und wünscht, ihr fremdartiges Kind würde einfach aus ihrem Leben verschwinden.

So verliert das Kind seine einzige Verbündete im Leben und läuft davon.

(Übrigens: Die gleiche Problematik finden wir auch in der   Geschichte "Die Möwe Jonathan" von Richard Bach.)

Der Zusammenbruch einer Mutter, also ihre Kapitulation, signalisiert, dass sie ihre Identität als "Bemutternde" verloren hat. Dies kann so unerträglich für eine Psyche werden, dass ihr bisher bestehendes Gesamtgefüge zusammenbricht.

Seit Jahrtausenden werden Frauen vor die Wahl gestellt:

"Entweder du gehorchst den Obrigkeiten und lässt eines, das du liebst, im Stich, oder du leistest Widerstand und bezahlst dafür auf andere, nicht weniger qualvolle Weise."

Führungsfrauen, Politikerinnen und solche, die sich eine Position im Männerspiel ergattert haben, wissen, wovon ich spreche.

Wenn Leute gezwungen werden, ihrer Seele Schaden zuzufügen und sie täglich zu verleugnen, um als ehrenwerte Angehörige ihres Kulturkreises gelten zu können, dann kann ich diese Kultur nur als grausam bezeichnen.

Dann grassiert eine bösartige, ansteckende Kulturkrankheit: der Spiegel der Strukturen, die alle Einzelnen mit sich herumtragen und an die Nachkommen weitergeben.

  • Seit vielen Jahrhunderten werden Mütter gesetzlich dazu gezwungen, ihre Söhne dem Staat als Kriegsdiener zu überlassen, und dann wird ihnen auch noch eingeredet, dass sie stolz darauf sein sollen!
  • In kaum einem Land wird der weiblichen Bevölkerung gestattet, ihrer Liebe freien Ausdruck zu geben und die Partner oder Partnerinnen nach eigenem Gutdünken zu wählen - auch heute noch nicht.
  • Eine weltweit verbreitete und kaum beachtete Art, das Seelenleben von Frauen effektvoll zu unterdrücken, äußert sich darin, dass Millionen von unverheirateten Müttern mit Kindern - Alleinerziehende - zu einer gesellschaftlichen Randexistenz gezwungen werden. Alleinerziehende Väter bekommen bewundernde Anerkennung - allein erziehende Mütter Verständnislosigkeit und Verachtung (der kleine Unterschied?)
  • Seit Generationen haben sich Frauen damit abgefunden, dass ein Kind nur durch einen Ehemann legitimiert werden kann - mit anderen Worten: Ein menschliches Wesen hat keinen Wert, solange es nicht das Gütesiegel eines Mannes aufgestempelt bekommt.
  • Ohne maskulinen Schutz (Ehemann) wird eine Frau zum Freiwild, zum ständigen Opfer psychologischer Angriffe gegen ihren Lebensstil.

Die Ironie dabei ist, dass der Vater der Entenküken im Märchen nicht einmal erwähnt, geschweige denn von der Entenmutter zu Hilfe gerufen wird, wenn wirklich "Not am Mann" ist.

Und warum?

Weil der Vater in keiner Weise fähig ist, die Entenmutter und ihr ungewöhnliches Kind zu unterstützen. Wie für so viele von uns, ist der Vater nur eine schattenhafte Randfigur in der Familie, auf deren Beistand wir uns im Notfall nur bedingt oder überhaupt nicht verlassen können.

Wenn eine Frau dieses "gebrochene Mutter"-Konstrukt verinnerlicht hat, ist ihr Selbstwertgefühl nicht intakt und droht bei der nächsten Herausforderung zusammenzubrechen.
Depressionen, Krankheit, Nervenkrise.

In diesem Zustand meinen Frauen, dass sie Aussätzige sind, die absolut nirgends hingehören - was relativ normal für eine Außenseiterin ist -, wobei es jedoch nicht normal ist, sich jahre- und jahrzehntelang in sich selbst zurückzuziehen, ohne irgend etwas Konstruktives zu unternehmen!

Alternative:

Die einsame Frau macht sich auf die Suche wie eine Wölfin nach dem richtigen Rudel, einer Bande von Gleichgesinnten. In deren Mitte sie willkommen geheißen wird! Das ist immer der nächste Schritt für AußenseiterInnen aller Art (ich weiß wovon ich spreche).

Für Frauen mit einer inneren gebrochenen Mutter ist dieser Schritt nicht nur wichtig, er ist lebensnotwendig, um nicht ständig bei der eigenen emotionalen Bemutterung zu versagen.


Die Kind-Mutter und die unbemutterte Mutter

Die Entenmutter in unserem Märchen ist offensichtlich naiv in ihrer Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Allen Warnungen zum Trotz besteht sie darauf, das Schwanenei auszubrüten, aber am Ende wünscht sie, das Kind wäre nie geboren worden!

Ihr Verhalten spiegelt das einer fragilen Mutter wieder, die selbst noch in vieler Hinsicht ein Kind ist. Aber ihr Verhalten ist auch typisch für Frauen, die im Verlauf ihrer Kindheit nicht hinreichend bemuttert worden sind.

Wie war es denn früher oder wie ist es in anderen Kulturen?

In früheren Zeiten wurden schwangere Frauen und junge Mütter von den älteren Frauen der Dorfgemeinschaft unterstützt und in sämtliche Aspekte ihrer neuen Rolle eingeweiht. Bei vielen Naturvölkern ist dies auch heute noch so.

Es ist eine Tatsache, dass alle Mütter ihrerseits ein gewisses Maß an Bemutterung brauchen, denn wenn ihnen diese Fürsorge vorenthalten wird, entsteht eine verhängnisvolle Verkettung:
Eine Generation überträgt ihre körperliche Überforderung und psychische Überbelastung auf die nächste.

In unseren "modernen" patriarchalen Industrienationen bringen die meisten Mütter ihre Kinder ohne hinreichende Unterstützung zur Welt. Allmählich kommen zum Glück wieder Hausgeburten und Hebammen "in Mode". Ich denke, dass viele Frauen zu ihren Ur-Instinkten zurückfinden und sich auch (gegen Ärzte!) durchsetzen.

Aber immer noch werden in der Praxis zahllose Kinder von letztlich allein stehenden Müttern ausgetragen, geboren und erzogen, was eine Tragödie von enormen Ausmaßen ist. Millionen von Mädchen wurden mittlerweile von zerbrechlichen Kind-Müttern und unbemutterten Müttern großgezogen und haben einen ähnlichen Stil der Selbstbemutterung und Kindsbemutterung entwickelt.

Eine Kind-Mutter ist alt genug, um Kinder zu gebären, aber durchaus nicht immer reif genug, um für ein Kind zu sorgen.

Jede Frau, die zum ersten Mal Mutter wird, fällt in die Kategorie der Kind-Mutter, egal, ob sie 18 oder 40 Jahre alt ist. Sie braucht den Zuspruch, die tatkräftige Unterstützung und den Rückhalt, den sie nur bei anderen, schon etwas reiferen Frauen findet.

Aus dieser Erkenntnis stammt der uralte Brauch, neugeborenen Kindern eine oder mehrere Patentanten oder Patenonkel zur Seite zu stellen, die sich um das Kind kümmern, wenn die Mutter oder das Elternpaar zu versagen droht. Die Rolle der Pateneltern wird heute kaum noch ernst genommen, aber ursprünglich gehörte es zu den Aufgaben der zumeist älteren PatInnen, einer Kind-Mutter den Übergang zur reifen, instinktiv mütterlichen Frau zu erleichtern.

Frauen können von ihren Familien und der Gesellschaftsschicht, der sie angehören, so zutiefst gedemütigt worden sein, dass sie den instinktiven Halt, also den Zugang zur mütterlichen Komponente ihrer Ur-Natur, verlieren.

Kind-Mütter neigen zur sporadischen Überkompensation und geben sich von Zeit zu Zeit ernsthafte Mühe, "jedem immer alles recht zu machen". Sie zwingen sich dazu, eine Art "Supermutterschaft" zu demonstrieren, bei der kein Familienmitglied zu kurz kommen soll, während die wahren und tieferen Bedürfnisse der Angehörigen jedoch nie ausgelotet werden und daher unbefriedigt bleiben.

Ohne es zu merken, quält die Kind-Mutter ihre Sprösslinge mit einer nicht enden wollenden Folge von heißen und kalten Wechselbädern. Denn an einem Tag verwöhnt sie sie mit Wärme, Zuwendung und allen möglichen Versprechungen, und schon ein paar Stunden später wird den Kindern alles Glück wieder entzogen.


Hin und wieder wird eine Mutter erst durch ihre heranwachsende Tochter auf ihre wilde, ursprüngliche  Wesensnatur aufmerksam. Die Identitätssuche der Tochter kann wie ein Auslöser funktionieren, durch den die Mutter die Antriebskraft erhält, ihre eigenen Schwanenflügel auszubreiten und zum verlorenen wahren Selbst sowie zum seelenverwandten Schwarm zu finden.

Wenn das geschieht, erkennen zwei wilde Schwaninnen ihre natürliche Schönheit im Auge der anderen wieder. Dann wird ein unzerreißbares Band echter Seelenverwandtschaft zwischen Mutter und Tochter geschaffen.


So, liebe Leserinnen, damit entfernen wir uns von allem, was schief gehen kann, wenn eine Mutter von ihrer Instinktnatur abgeschnitten wird, und befassen uns mit dem, was Abhilfe schafft!

 
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