Im Leben eines Mädchens sind die Tage angefüllt mit Ereignissen, die banal zu sein scheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind.

Es häufen sich die bewussten wie unbewussten Versuche der Umwelt, das Kind auf die Mädchenrolle festzulegen. Aus der Summe solch alltäglicher Erfahrungen ergibt sich für das Kind ein Muster, nach dem es sein Verhalten ausrichtet.

Davon handelt diese Seite.

 
 
Einleitung | Kontakt | Gratis Ebook
Home arrow Strategie arrow Ein rotes Fest




Ein rotes Fest

"Sie hat ihre ersten Gezeiten", erzählt ein junger Japaner seiner europäischen Geliebten. "So sagt man bei uns, wenn ein Mädchen ihre erste Regelblutung hat. Das ist eine Anspielung auf unser mütterliches Meer. Die Flut schwillt zum Mond heran, der Erdenstern hält die Wasserhülle fest, das Leben wird aus dem Schaum geboren. Und so wie die Wellen unter den Sternbildern atmen, spürt auch jede Frau die Gezeiten in ihrem Blut."

Wenn in Japan ein Mädchen zum ersten Mal ihre  Menstruation hat, wird sie von ihrer Familie beglückwünscht und beschenkt. Ihr zu Ehren wird O-Sekihan, ein besonderes Reisgericht, gekocht. Dieser "Glückwunsch-Reis", mit Bohnensaft rot gefärbt, kommt nur bei Festtagen auf den Tisch.

Die Menstruation ist ein heiliges Zeichen, keine Verdammung. Die Frau ist wie das Meer, weich und stark. Aber die Männer fürchten das Meer, ebenso wie sie die Frauen fürchten.

Früher glaubten die JananerInnen, dass jedes Mädchen einmal in ihrem Leben über besondere Heilkräfte verfügt. Dies geschah, wenn ihre Blutung zum ersten Mal einsetzte. Es wurde ihr eine besondere Schilfhütte errichtet, wie für eine Gottheit. Dort wachte sie vier Tage und vier Nächte lang. Dieser Zustand Komoru - >Sich-Zurückziehen< genannt - symbolisierte den Tod und die Wiedergeburt der Natur.

Am vierten Morgen betete das Mädchen die aufsteigende Sonne an, streute Blütenstaub in alle vier Himmelsrichtungen und galt als neu geboren. In diesem Zustand der Ur-Unschuld konnte sie Wunden heilen und Kranke gesund machen. Und manchmal kam es vor, dass sie auch nach der Zeremonie ihre Heilkraft bewahrte.

Erst viel später verdrängte in Japan der aus China kommende Buddhismus diesen Glauben an die Sakralität des weiblichen Blutes.

Etwas allerdings ist bis heute davon übrig geblieben: Jeder japanischen Frau im Berufsleben stehen gesetzlich zwei bezahlte Urlaubstage im Monat zu.


Feiere ein rotes Fest

Einer Professorin in Wien wurde im Laufe der Jahre ihrer engagierten Arbeit mit zehn- bis zwölfjährigen Mädchen ein großer Widerspruch bewusst:

Auf der einen Seite:

  • Mädchen betrachten ihre erste Regel als großes Ereignis, sie wissen voneinander, welche es schon erreicht hat und welche nicht, und sie beneiden die Frühstarterinnen. Sie stehen diesem Wendepunkt mit positiven Erwartungen gegenüber und sehen darin einen Schritt ihrer weiblichen Zugehörigkeit und ihres Heranwachsens.

Auf der anderen Seite:

  • Die gesellschaftliche Wertung ist eine ganz andere!
    Da geht es nur darum, unter Betonung des hygienischen Aspekts einen möglichst diskreten Ablauf der ganzen Sache zu gewährleisten.

Ein bedeutungsvoller Entwicklungsschritt, von dem nichts bemerkt werden soll? Das passt nicht zusammen, und der Widerspruch sendet eine denkbar schlechte Botschaft an die Mädchen:

  • dass Weiblichkeit in erster Linie etwas mit Peinlichkeit zu tun hat.

Ein richtiger Mann!)


In der Mädchengruppe der Wiener Schule, wo diese Professorin, Frau Gerda Sengstbratl, arbeitet, wird daher die erste Regel eines Mädchens von der Gruppe mit einem "roten Fest" gefeiert, um diesen Meilenstein gebührend zu würdigen.

Alle Mädchen ziehen sich rot an, es gibt rote Luftballons, rote Gummibärchen und so weiter.

Dieser Zugang ist sehr geschickt, da er Mehreres auf einmal erreicht:

  • die Anerkennung eines zu unrecht tabuisierten weiblichen Körpererlebnisses
  • ein Entgegenwirken auf die antiseptische
    "Blut, igitt"-Haltung, die in vielen Familien vorherrscht und den gesamten Körper- und Sexualbereich belastet und
  • die Erzeugung eines Gruppengefühls unter Mädchen, das sich zur Solidarität zwischen zukünftigen Frauen entwickelt

Ein Initiationsschritt der Schule machen sollte!

Pubertätsriten gab und gibt es noch in vielen Kulturen. Überall auf der Welt finden wir matriarchale Völker und Stämme, die Initianden außerordentlichen Situationen aussetzen, damit sie erwachsen und reif werden können. Sie müssen mit Dunkelheit, Angst, Hunger und Durst umgehen, müssen die Trennung von der schützenden Familie verarbeiten und sind danach nahe an ihrer eigenen Kraft! (Mehr über Initiationrituale für junge Männer und Frauen)

Viele Feministinnen haben mit ihren Töchtern Menstruationsrituale gemacht. Die jungen Frauen werden gefeiert, bekommen Geschenke, rotes Essen, und alle Teilnehmerinnen sprechen über Menstruation, Sexualität, aber auch über Kindkeitserlebnisse der initiierten jungen Frauen. Viele haben die Unterwäsche mit dem ersten Menstruationsblut aufgehoben und zu einem Krafttalisman verarbeitet.

- Wie feiern die Frauen in Ihrer Familie, in Ihrem Land, die erste Menstruation der Töchter?

- Haben Sie Ideen, Mädchen mit ähnlichen Zeremonien ein gesundes Selbstwertgefühl zu vermitteln?

Zapfen Sie das Wissen der "Weisen Frau" in sich an und schreiben Sie an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam geschützt. Zur Anzeige muss Javascript aktiviert sein.


{exitpoll id=1}


Was andere machen:

Pubertätsritus der amerikanischen Ureinwohner für Mädchen

Janet McCloud, die berühmte Aktivistin der amerikanischen Ureinwohner, beschreibt die rituelle Initiation junger Mädchen bei der ersten Menstruation:

Die Mutter des Mädchens sucht drei ältere Frauen aus, die sie mag und denen sie in sexuellen Dingen, Empfängnisverhütung und Hygiene vertraut. Es geht dabei auch um Sinnlichkeit, erotische Wahrnehmung und Liebeszauber. Die junge Frau verbringt drei Tage und Nächte in einer fensterlosen Hütte. Dort bekommt sie von den drei Ältesten ihre Unterweisung und  alle ihre Fragen beantwortet. Dabei wird der Kopf der jungen Frau verhüllt, damit sie sich besser konzentrieren kann. Sie nimmt nur ganz bestimmte Gerichte zu sich, und nach dem dreitägigen Unterricht kommt sie wieder heraus.

Die Mutter nimmt den Schleier vom Kopf des Mädchens, und anschließend wird sie der Gemeinschaft als Frau vorgestellt. Von nun an wird ihr Respekt gezollt wie allen anderen Erwachsenen. Natürlich trägt eine solche Behandlung dazu bei, dass ein junger Mensch reift, Selbstbewusstsein entwickelt, Verantwortung übernimmt und aufblüht.


Feier der ersten Menstruation in Nordamerika

Einen oder zwei Monate nach der ersten Menstruation des Mädchens (das gibt ein wenig Zeit, um ein richtiges Fest vorzubereiten), versammelt die Mutter, die Großmutter, die Patin oder eine Tante Freundinnen und Verwandte, die nicht engstirnig sind und in deren Gesellschaft das Mädchen sich wohl fühlt, zu einem Fest zu Hause.

Andere junge Mädchen sind vermutlich die besten Gäste, weil sie den Übergang vom Kind zur jungen Frau miterleben und aus der positiven Einstellung dazu ihren eigenen Nutzen ziehen können.
Die Mutter oder eine andere erwachsene Frau kauft dem Mädchen einen Ring mit einem roten Stein - das kann ein Granat sein oder etwas Teureres. Während des Festes sollte die Mutter alle zum Schweigen bringen und sagen:

"Ich bin stolz und glücklich, heute meine Tochter zu ehren und sie als Frau zu begrüßen. Ich weiß, dass sie noch eine Menge darüber lernen wird, was es heißt, eine Frau zu sein, genau wie ich immer noch lerne. Bitte, nimm diesen Ring als Symbol für diesen Übergang vom Kind zur Frau. Leb wohl, mein Kind, willkommen, Schwester!"

Dann übergibt sie der Tochter den Ring.


Westafrika

Luisa Francia beschreibt in ihrem Buch
"Die 13. Tür" folgendes zu diesem Thema:

"Ich will nichts zu tun haben mit einer Kultur, die über menstruierende Frauen die Nase rümpft, Frauen verachtet, angreift, tötet, Alte ausstößt und Toten lediglich das Kinn hochbindet und sie dann in Plastiksäcken zur Entsorgung in den Krankenhauskeller wirft. In meiner Welt, der Welt wie ich sie kennengelernt oder wiederentdeckt habe, werden in Ritualen die Kräfte der Frauen geweckt, gehegt und gepflegt und verabschiedet.

Ein Frauengeheimbund, mit dem ich zusammenkam, von dem ich nicht allzuviel erzählen kann, weil die Frauen ihre Geheimnisse sehr gut hüten, feiert die Initiation ins Frausein nach der ersten Menstruation durch achtmonatiges Isolieren der jungen Frauen. In dieser Zeit werden sie in die Liebe zwischen Frauen und ihre besondere Kraft eingeweiht. Sie bekommen kleine Holzpuppen, mit denen sie zärtliche Beziehungen eingehen und die ihnen fortan als Helferin zur Verfügung stehen, die sie bei sich am Körper tragen, füttern, liebkosen und um Rat fragen.

Viele Frauen dieses Geheimbundes heiraten nicht oder gehen, falls sie Kinder haben, Frauenheiraten ein, eine Einrichtung, die überall in Westafrika vorkommt, mit der sich Frauen gegenseitig materiell absichern, wenn sie keinen Mann heiraten wollen oder können.
Nach dem Initiationsritual gelten die Frauen als erwachsen."


Wie es bei uns ausschaut:

Leserinnen schreiben:

Als Spätzünderin war ich froh, als "es" endlich kam. Aber sowohl meine Schwester als auch ich schauten "es" eher als Strafe an denn als freudiges Fest. Unsere Mutter hat uns nie etwas verheimlicht, und da sie seit Jahren starke Beschwerden hatte! (und immer noch hat), fürchteten wir uns auch davor. Zum Glück ist unsere Mutter aber seit jeher gegen dieses gesellschaftlich erzwungene "nichts sehen nichts hören und nichts riechen".

Ich bin von größeren Mädchen aufgeklärt worden (bin als Tochter von MitarbeiterInnen im Heim aufgewachsen), meine Mutter war etwas geschockt, weil ich von Anfang an Tampons benutzt habe, war aber doch ganz erleichtert, dass sie mit mir nichts mehr besprechen musste... Ich war ziemlich stolz, endlich "meine Tage" zu haben, weil ich dann ja zu den "Großen" gehörte. Bauchschmerzen habe ich eigentlich erst als Erwachsene bekommen.

"Ich hatte wenig Ahnung, was auf mich zukam. Es war mir zwar bekannt, gerüchteweise von Mitschülerinnen, aber nicht von meiner Mutter. Die ganze Sache war nur unheimlich peinlich, besonders als meine Mutter es raus bekam.
P.S. meine Mutter hasse ich noch heute für meine Hilflosigkeit damals."

"Ich habe meine erste Regel bereits mit 11 Jahren mitten beim Schwimmunterricht bekommen. Ich hatte furchtbare Schmerzen und Durchfall. Es war peinlich und entwürdigend, mit diesen schmutzigen Sachen in die Schule zurück gehen zu müssen. Als ich nach Hause kam, erfuhr ich, dass mich das jetzt einmal im Monat erwarten würde.
Wahre Horrorgeschichten über Blut, was nach dem morgendlichen Aufstehen die Beine herunterläuft, Schmerzen und Scham wurden mir jeden Monat eingetrichtert. Es war für meine ganze weibliche Verwandtschaft eine Revolution, als ich mit 16 meinen ersten Tampon verwendete und darauf bestand, gerade am ersten Tag Sport zu treiben.

 
Weiter >

Mehr von Hannelore Vonier